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  • Fabian Hollenstein

Was, wenn ... Die eingebildete Katastrophe, ein Stück von Verstand

Was Molière mit Argan und der Krankheit gelang, schafft unser Verstand mit uns und der Katastrophe ebenso. Erfahre in diesem Beitrag, was es mit dem Katastrophisieren auf sich hat und was du dagegen tun kannst. Hierfür überlasse ich dir drei probate Techniken.


Ich habe in meinem Leben schon unzählige Katastrophen durchlebt. Die wenigsten davon sind eingetreten. (Mark Twain)

Gäbe es eine Weltmeisterschaft fürs Katastrophisieren, dann wäre ich bestimmt ein heisser Anwärter auf den Titel. Warum? Nun, ich bin mit diesem Thema bestens vertraut, nicht nur, weil ich Angst-Experte bin, sondern weil ich jahrzehntelang ein treuer Anhänger dieses Spiels mit der Katastrophe war. Selbst heute bin ich immer noch ein hervorragender Mitspieler, wie du an den aktuellen Fallbeispiele aus meinem Leben erkennen wirst. Im Unterschied zu früher weiss ich heute allerdings, wie ich mit solchen Situationen umzugehen habe. Ich steige dann einfach aus dem Spiel aus, setze mich an den Spielfeldrand und beobachte das Geschehen als neugieriger Zuschauen von aussen. Wie das geht, wirst du im weiteren Verlauf dieses Artikels noch erfahren.


Aus meiner Sicht sind die fiesen Biester "Ängste und Zweifel" einer der Hauptgründe, warum viele Menschen zeitlebens kein selbstbestimmtes und erfülltes Leben führen. Wann immer man im Leben etwas verändern möchte, wird man nicht darum herumkommen, die Komfortzone zu verlassen. Wie das Licht die Motten, zieht aber genau das die fiesen Biester magnetisch an. Dabei sind sie selbst gar nicht das Problem. Zum eigentlich Verhängnis wird einem letztendlich deren Überbewertung. Und hierbei hat das Katastrophisieren seine Finger im Spiel. Wenn die Angst ein laues Lüftchen wäre, vermag das Katastrophisieren sie in einen tosenden Sturm zu verwandeln. Dieser Sturm wird dann für real gehalten, obwohl er nur in der eigenen Fantasie existiert. Besonders perfide ist dabei, dass hinter dem Sturm das erfüllte Leben warten würde. Doch für viele bleibt der fiktive Sturm leider eine unüberwindbare Barriere, an der sie dauerhaft hängen blieben.


Lass uns nun tiefer in die Materie eintauchen und schauen, was es mit dem Katastrophisieren genau auf sich hat.


Die meisten Leute haben Angst davor, nachts alleine durch den Wald zu gehen. Verständlich, oder? Ja? Nein! Eigentlich nicht, denn bei näherer Betrachtung macht das gar keinen Sinn. In unserem Breitengrad gibt es in den meisten Wäldern keine Tiere, die für den Menschen ernsthaft gefährlich wären. Zudem gilt der Wald statistisch gesehen als einer der sichersten Orte überhaupt, denn fast nirgends ereignen sich weniger Verbrechen als hier. Letztendlich ist es weitaus gefährlicher, sich nachts alleine in Zürich oder in einer beliebigen anderen Grossstadt herumzutreiben. Und dennoch wage ich zu behaupten, dass vermutlich viele die Grossstadt dem Wald vorziehen würden.


Was ist also das Problem mit dem Wald? Wie so oft, wenn Probleme entstehen, wo eigentlich gar keine sind, hat unser Verstand, der grösste Geschichtenerzähler aller Zeiten, seine Finger im Spiel. So auch hier. Die Kombination aus Wald, Dunkelheit und Alleinsein bietet unserem Verstand einen hervorragenden Nährboden für furchteinflössende und morbide Horrorgeschichten. Das Unterbewusstsein versorgt den Verstand mit längst verdrängten Kindheitserfahrungen, mit verstörenden Fallbeispielen aus den Medien, die leider alles andere als repräsentativ sind, und mit Schocker-Bildern aus Filmen und Serien made in Hollywood. Dieses kognitive Potpourri an düsteren Eindrücken löst zwangsläufig Angst aus, welche als Beweis dafür angesehen wird, tatsächlich mit einer realen Bedrohung konfrontiert zu sein. Als Folge davon wird der Wald in der Konstellation "nachts und alleine" gemieden.


Hierzu möchte ich dir eine hervorragend zum Kontext passende Anekdote aus meinem Leben erzählen. Sie beginnt zwar nicht mit einer Erwartungsangst, zeigt aber dennoch sehr schön auf, was passiert, wenn der Verstand aus dem Ruder läuft.

 

Als mein Sohn im Frühsommer 2019 für 6 Wochen in der Reha-Klink war, ging ich abends, nachdem ich ihn ins Bett gebracht hatte, oft noch eine Runde im angrenzenden Wald spazieren. Durch den Wald zu streifen, ist für mich fast wie meditieren. Ich mag den holzigen Geruch, das Knacksen unter meinen Füssen, das Spiel von Licht und Schatten und vor allem die grenzenlose Stille, die höchstens ab und dann von einem weit entfernten Tierlaut durchbrochen wird.


Der Umstand, dass es bereits fortgeschrittener Abend war, brachte zwei interessante Vorteile mit sich. Einerseits war ich nahezu alleine unterwegs und andererseits dennoch in bester Gesellschaft, denn in der Dämmerung zog es die Rehe zur Nahrungsaufnahme an den Waldrand. So wollte es der Zufall, dass ich eines Abends, als ich mich bereits auf dem Rückweg befand, auf einer Lichtung unweit von mir entfernt eine Rehfamilie mit zwei noch ziemlich jungen Kitzen beim Äsen antraf. Kurzentschlossen liess ich mich im kniehohen Gras nieder und genoss das herrliche und einmalige Schauspiel. Fasziniert beobachtete ich das bunte Treiben und vergass dabei komplett die Zeit.


Erst als es allmählich eindunkelte, realisierte ich, wie spät es bereits geworden war. Wehmütig verabschiedete ich mich von meinen neuen Freunden und begab mich auf den Heimweg, der mich nochmals rund 15 Minuten durch den mittlerweile düsteren Wald führen würde. Ich war zwar nicht wirklich begeistert darüber, aber Angst hatte ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Schliesslich wusste ich um die statistische Ungefährlichkeit des Waldes. ;-)


Ungefähr auf halber Strecke riss mich ein schrilles Geräusch aus meinen Gedanken und liess mir das Blut in den Adern gefrieren. Nicht nur war es extrem laut, sondern es war auch verdammt nahe. Zwischen mir und Was-auch-immer lagen keine 10 Meter. Zu einer Salzsäule erstarrt, stand ich auf einem leicht gekieselten Waldweg, während es links von mir auf einer leichten Anhöhe kreischte, zischte, fauchte, schnaubte, scharrte, kratzte und raschelte.


Mein neuronales Netzwerk lief Amok und präsentierte mir innerhalb kürzester Zeit sämtliche Assoziationen, die es finden konnte. Merkwürdigerweise waren Rotkäppchen, Prinzessin, Fee, Pony, Einhorn und Zuckerwatte nicht dabei, dafür aber Bär, Wolf, tollwütiger Fuchs, tobendes Wildschwein, Werwolf, Bestie, Predator, Alien, Zombie, Walking Dead, Blair Witch Project und Texas Chainsaw Massacre. Es war also glasklar, dass es sich um ein blutrünstiges Tier, einen soziopathischen Serienkiller oder eine schleimige Kampfmaschine aus einer anderen Dimension handeln musste. Das Naheliegendste, ein Wildtier, dass sich an mir erschrocken hatte und sich nun vor Angst ins Fell machte, wollte mir partout nicht einfallen. Ganz egal, was es war, es hatte bestimmt mehr Angst vor mir als ich vor ihm, auch wenn es sich in diesem Moment für mich definitiv anders anfühlte.


Als die Geräusche langsam abklangen, setzte ich mich in Mäuseschritten wieder in Bewegung, während meine Augen weiterhin die Quelle des vermeintlichen Untergangs fixierten. Bloss keine hektischen Bewegungen, schoss es mir durch den Kopf. Hollywood lässt immer zuerst die dran glauben, die lautschreiend wegrennen. Das würde mir definitiv nicht passieren. Und dann sagt noch einer, Fernsehen bildet nicht.


Als ich den Abstand ungefähr verdoppelt hatte, richtete ich meinen Blick wieder nach vorne und erhöhte das Tempo auf ein flottes Gehen. Es dauerte einen Moment, bis das Adrenalin aus meinem Kreislauf ausgeschwemmt war und sich mein vegetatives Nervensystem etwas beruhigt hatte. Meine Sinne blieben für den restlichen Weg dermassen geschärft, dass ich bei jedem noch so leisen Geräusch zusammenzuckte und mir einbildete, ich könne sogar die Ameisen unter dem mit vertrockneten Trieben übersäten Waldboden schnarchen hören.


Als ich raus aus dem Wald und wieder zurück in meiner temporären Bleibe war, die ich für den Reha-Aufenthalt meines Sohnes bezogen hatte, fragte ich mich, was da gerade los war, und lachte mich erstmal schlapp. Ich stellte mir vor, wie erbärmlich ich wohl ausgesehen haben musste und wie peinlich es gewesen wäre, wenn mich jemand dabei beobachtet hätte. Was ich aber fühlte, war nicht Scham oder so, sondern viel mehr Erheiterung über mich selbst. Ich fand es tatsächlich amüsant.


Und, was tat ich am nächsten Tag? Genau, ich ging wieder in den Wald. Schliesslich bin ich Angst-Experte und weiss, welches Verhalten nach solchen Erfahrungen hilfreich ist, und welches eben nicht. Und wie du nun unweigerlich festgestellt hast, heisst "Angst-Experte zu sein" nicht, keine Angst zu haben. ;-)

 

Bei diesem Erlebnis wurde ich regelrecht in eine Ausnahmesituation hineinkatapultiert. Mein vegetatives Nervensystem reagierte innerhalb von Millisekunden und ich hatte nicht wirklich Zeit, mich mit der Sinnhaftigkeit dessen, was mir mein Verstand in den darauffolgenden Sekunden präsentierte, auseinanderzusetzen. Dennoch war in der Rückblende das meiste, was mir in diesem Moment durch den Kopf schoss, nicht nur total überrissen, sondern einfach nur absurd und lächerlich. Der Vorteil von Erlebnissen dieser Art ist zweifelsohne, dass sie genauso schnell vorüber sind, wie sie begonnen haben, und solange sie weder ein Trauma noch ein Vermeidungsverhalten auslösen, keine nennenswerten Konsequenzen fürs Leben mit sich bringen. Ganz im Gegensatz zu jenen Situationen, auf welche ich im weiteren Verlauf noch eingehen werde.


Diese ganz besondere Fähigkeit, über die unser Verstand verfügt, nennt sich Katastrophisieren. Wie unschwer zu erkennen ist, versteckt sich darin das Wort "Katastrophe". Wer also katastrophisiert, geht vom Schlimmsten, eben einer Katstrophe aus. Bei bevorstehenden Ereignissen, deren Ausgang noch komplett offen ist, werden die positiven Möglichkeiten ausgeblendet, die negativen überbewertet und die schlimmsten als die wahrscheinlichsten betrachtet. Wie unschwer zu erkennen ist, ist die eigene Wahrnehmung dabei komplett verzerrt. Die in der Regel mit dem Katastrophisieren einhergehenden Ängste verstärken den Glauben an ein bevorstehendes Armageddon. Dadurch ist auf rationaler Ebene die Vorstellung über einen alternativen Ausgang oftmals nicht greifbar.


Katastrophisieren kann im Zusammenhang mit einer Depression, einer Angststörung oder mit chronischen Schmerzen gehäuft auftreten und gilt dann als pathologisch. In diesen Fällen ist die Überzeugung, die Sache wird einen schrecklichen Ausgang nehmen, häufig so stark, dass selbst das Unterbreiten von alternativen Szenarien durch Aussenstehende nur wenig Einsicht beim Betroffenen hervorruft. Unabhängig davon handelt es sich beim Katastrophisieren allerdings um ein Phänomen, dass uns ausnahmslos alle von Zeit zu Zeit heimsucht. In diesem Blogbeitrag möchte ich deshalb mehr auf die allgemeine und weniger auf die pathologische Form eingehen.


Es gibt vermutlich eine Vielzahl an unterschiedlichen Situationen, in denen wir zum Katastrophisieren neigen. Aus meiner Sicht lassen sich die häufigsten in eine der folgenden drei Kategorien einteilen:

  1. Wenn wir die berühmt-berüchtigte Komfortzone verlassen, respektive bereits dann, wenn wir lediglich darüber nachdenken, sie zu verlassen.

  2. Wenn wir eine Information, einen Umstand oder eine Tatsache überbewerten, in der Folge davon eine mögliche Konsequenz überzeichnen und alternative Möglichkeiten gänzlich ausblenden.

  3. Wenn wir nullkomaplötzlich in einer vermeintlich bedrohlichen Situation stecken, die mit sehr starken Ängsten verbunden ist.

Mein Erlebnis im Wald ist ganz klar der 3. Kategorie zuzuordnen. Hätte ich bereits im Vorfeld katastrophisiert, dann wäre es ein Fall für die 1. Kategorie gewesen. Wenn man nicht gerade Förster oder Jäger ist, dürfte der Wald im Status "nachts und alleine" bei den wenigsten Menschen zur Komfortzone gehören. Folglich ist es absolut nachvollziehbar, warum die Vorstellung ein gewisses Unbehagen auslöst.


Die 2. Kategorie ist vorwiegend aber nicht ausschliesslich bei der pathologischen Form des Katastrophisierens anzutreffen. Eltern, insbesondere Mütter, frisch Verliebte, Stellensuchende und andere Menschen in herausfordernden Lebensumständen haben allerdings auch einen Hang dazu. Gerne mache ich dir hierzu einige Beispiele, die nicht pathologischer Natur sein müssen:

  • Ein Kind müsste um 17:00 Uhr zu Hause sein. Als das Kind bis 17:15 Uhr nicht auftaucht, versucht die Mutter es auf dem Handy zu erreichen. Da es nicht rangeht, ist für die Mutter klar, dass etwas Schlimmes passiert sein muss.

  • Ein Mann wacht in der Nacht auf und hat leichte Kopfschmerzen. Da er in den Tagen zuvor bereits angeschlagen war und sich matt fühlte, gibt es für ihn keine andere Erklärung, als dass er einen Gehirntumor haben muss.

  • Ein Student steht vor einer Prüfung, die er im ersten Versuch verhauen hat. Es gibt für ihn keinen Zweifel, dass er, wenn er erneut durchfällt, keinen Studienabschluss erhalten und somit auch nie einen Job finden wird.

  • Ein Stellensuchender macht sich auf den Weg zu einem Vorstellungsgespräch. Er ist der felsenfesten Überzeugung, dass dies seine letzten Chance ist und er ohne diesen Job ausgesteuert wird und unter der Brücke landet.

In den genannten Fällen gäbe es unzählige Alternativszenarien, die nicht nur weniger dramatisch sondern zweifelsohne auch naheliegender wären. Der Verstand stürzt sich aber auf das Worst-Case-Szenario, was die Angst, die ohnehin bereits latent vorhanden ist, ins Unermessliche schürt.


Aus meiner Sicht hat die 1. Kategorie den mit Abstand grössten negativen Einfluss auf unser Leben. Wenn wir ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben führen wollen, werden wir immer wieder die Komfortzone verlassen müssen. Daran führt leider kein Weg vorbei. Genau das setzt aber die machtvolle Maschinerie der Katastrophe in Gang, die versucht, eben dies zu unterbinden. Auch wenn sie uns damit eigentlich nur schützen möchte, überwiegen die Kosten den Nutzen bei weitem. Nebst einem Haufen anderer Dinge verhindert sie dadurch, dass wir uns um uns selbst und unsere Bedürfnisse kümmern, uns auf tiefgründige Beziehungen einlassen, unsere Wünsche ernst nehmen, unsere Träume realisieren und unseren eigenen ganz persönlichen Weg gehen. Es erübrigt sich vermutlich, nochmals explizit darauf hinzuweisen, dass sich dies sehr nachteilig auf unser Leben, unser Wohlbefinden und unser Glück auswirkt.


Wie du vielleicht bereits gemerkt hast, liebe ich Geschichten. Aus diesem Grund möchte ich dir hiermit eine weitere aktuelle Anekdote aus meinem Leben erzählen. Aus der 1. Kategorie stammend zeigt sie sehr schön auf, wie sich der Verstand verhält, wenn er mit dem Abgrund der Komfortzone konfrontiert wird und ins desaströse Katastrophisieren verfällt.

 

Im September 2020 hatte ich ein Problem mit meinem Verdauungstrakt. Was für ein brillantes Thema für einen Blogbeitrag, findest du nicht? Wie dem auch sei, durch diese Kloake musst du nun wohl oder übel durch. Aber keine Angst, Du kennst mich ja, ich werde dich subtil und mit ganz viel Humor an die Sache heranführen.


Aufgrund meines Problems wollte ich also einen Spezialisten im Kantonsspital St. Gallen konsultieren. Dafür musste ich vorgängig ein Formular im Internet ausfüllen. Einige Tage später wurde ich telefonisch kontaktiert. Statt dem erwünschten Konsultationstermin mit einem Arzt, erhielt ich von der Sekretärin allerdings eine Vorladung zur Darmspiegelung. Ich bekam also genau das, was ich definitiv und ausdrücklich nicht wollte. Denn ich bat lediglich um einen Konsultationstermin. Das heisst, ich wollte mich mit jemandem unterhalten, so von Angesicht zu Angesicht, und zwar ohne, dass dieser jemand zuvor den Hintereingang benutzt hatte.


Auf den ersten Schock erfolgte die Phase der Verneinung und ich habe ernsthaft versucht, die gute Frau, die wohlgemerkt nur die Sekretärin war, davon zu überzeugen, dass das gar nicht nötig sei. In mir haben sich sämtliche Nackenhaare gesträubt und ich habe mich um Kopf und Kragen geredet, als ginge es um Leben und Tod. Was ja auch effektiv der Fall war!


Sie hat gemeint, dass es sich bereits ein Arzt angeschaut habe und es aufgrund meiner Anamnese eindeutig sei, dass ich eine Darmspiegelung brauche und daran auch eine vorgängige Konsultation nichts ändern würde. Dennoch könne ich es mir natürlich noch überlegen, aber maximal bis morgen, denn die Termine für eine Darmspiegelung seien heiss begehrt.


Begehrt? Ernsthaft jetzt? Selten hat sich ein Wort für mich deplatzierter angehört als in diesem Kontext. Ich konnte mir in diesem Moment effektiv kaum etwas vorstellen, was weniger Charme ausstrahlte als eine verdammte Darmspiegelung.


Ach ja, und dann offenbarte sie mir auch noch, dass das gar nicht so schlimm sei, wie man denke, weil man ohnehin ein Betäubungsmittel erhalte und somit den Eingriff komplett verschlafe.


Bäääääääähm! Das war genau die Information, die ich noch brauchte, damit mein Verstand, der Geschichtenerzähler, zu Hochform auflaufen konnte. Als hätte er nicht bereits davor genug Material dazu gehabt! Ich weiss nicht mehr genau, was ich letztendlich für schlimmer hielt. War es die Darmspiegelung oder der Umstand, "betäubt" zu werden, oder eben genau die Kombination von beidem? Aber schau selbst, wozu mein Verstand, den ich unter normalen Umständen nicht für besonders fantasievoll halte, in der Lage war.


Was, wenn ich so viel Angst habe, dass ich eine Panikattacke kriege, mir den Venenkatheter herausreise, davonrennen und auf der Strasse verblute?

Was, wenn ich eine allergische Reaktion auf das Schlafmittel zeige und danach für immer sabbernd in einem Rollstuhl sitze?

Was, wenn sie mir das Schlafmittel bereits gespritzt haben und ich es mir doch noch anders überlege, es dann aber kein zurück mehr gibt?

Was, wenn sie die falsche Ampulle erwischen und mir statt einem Schlafmittel ein tödliches Gift spritzen?

Was, wenn sie mir zu viel Schlafmittel spritzen und ich nie wieder aufwache?

Was, wenn sie mir zu wenig Schlafmittel spritzen und ich während dem Eingriff aufwache?

Was, wenn ich während dem Eingriff aufwache und dabei nicht eine Kamera sondern etwas anderes in meinem Hintern steckt?

Was, wenn sie mich nur betäuben, um mich stundenlang sexuell zu missbrauchen? Was, wenn ich aufwache, während ich sexuell missbraucht werde?

Was, wenn sie Experimente an mir durchzuführen?

Was, wenn ich aufwache, während sie Experimente an mir durchführen?

Was, wenn ich irgendwo anders aufwache, z.B. in der Folterkammer eines Psychopathen, dessen einzige Absicht es ist, mir Schmerzen zuzuführen?

Was, wenn ihnen ein Fehler unterläuft und ich nachher inkontinent bin?

Was, wenn sie mich verwechseln und mir stattdessen ein Bein amputieren?

Was, wenn sie einen aggressiven Krebs entdecken, der nicht heilbar ist und ich nur noch 3 Monate zu leben habe?


Ich resp. mein Verstand könnte stundenlang so weitermachen. ;-)


Vielleicht ist es dir aufgefallen, aber im letzten Abschnitt habe ich sehr häufig die Worte "Was, wenn ..." benutzt. Das ist ein Teilaspekt des Katastrophisierens. Das ist sein Muster, an dem es sich erkenntlich zeigt. Das Erkennen ist der Anfang. Was du weiter damit machen kannst, werde ich dir später noch verraten.


Rein rational wusste ich natürlich, dass das alles Bullshit war. Das machte es aber nicht besser, denn die Geschichten fühlten sich real an, genauso wie die Angst, die ich tatsächlich spürte. Das hing damit zusammen, dass ich emotional involviert und folglich mit ihnen verschmolzen war. Am meisten Mühe bereitete mir die Vorstellung, vollständig die Kontrolle abzugeben und mich in die Abhängigkeit von jemand anderem zu begeben. Kurzum, der totale Kontrollverlust. Von allen genannten Gedanken war es das Gift, das mich am meisten beunruhigte.


Unter dem Strich gab es gefühlt 1000 Gründe, es nicht zu tun, und vielleicht 1 - 2 Gründe, die dafür sprachen. Also, was meinst du, wofür habe ich mich entschieden?


Genau, ich wurde der Hauptdarsteller in meinem eigenen rektalen Blockbuster "Deep Inside Me". ;-) Also ja, ich habe mich für die Darmspiegelung entschieden und mir einen dieser heiss begehrten Termine gesichert. Einerseits bin ich ein sehr gesundheitsbewusster Mensch und würde es mir nie verzeihen, den Moment, wo man noch etwas hätte machen können, verpasst zu haben. Andererseits habe ich drei kleine Kinder zu Hause und somit eine gewisse Verantwortung, die um jeden Preis verhindern möchte, dass aus meinen Kindern Halbwaisen werden.


Zu meinem eigenen Glück bin ich ein Experte, wenn es um Ängste geht, und weiss somit, wie ich mit solchen Situationen umzugehen habe. Und nein, Benzodiazepine aka Temesta waren definitiv keine im Spiel!


Last, but not least: Ich bin soweit gesund, du wirst also noch viele weitere Geschichten von mir lesen können. Einziger Wermutstropfen, ich muss in 5 Jahren wieder auf der Matte erscheinen. Und ganz im ernst, das schlimmste überhaupt war nicht die Darmspiegelung selbst, sondern dieses abscheuliche Zeug, das die Konsistenz von Joghurt hat, trotz Fruchtgeschmack salzig schmeckt und bei jedem Schluck einen Brechreiz auslöst, am Vorabend zu trinken. Das ist das wahre Grauen!

 

Die Komfortzone zu verlassen, muss also nicht zwangsläufig immer damit verbunden sein, dass am anderen Ende ein Regenbogen wartet. Manchmal geht es auch einfach um Dinge, die gemacht werden müssen. Dennoch befinden sie sich ausserhalb der Komfortzone, wie übrigens alles, das man nicht kennt und noch nie gemacht hat. Tragischerweise führen genau dieses Katastrophendenken und die damit verbundenen Ängste dazu, dass viele Leute dringend notwendige Vorsorgeuntersuchen nicht wahrnehmen. Zu einem selbstbestimmten und erfüllten Leben gehört für mich allerdings auch, sich gut um sich selbst zu kümmern und sich Sorge zu tragen und zwar sowohl in körperlicher als auch mentaler Hinsicht.


Ich schätze, mittlerweile hast du einen ziemlich guten Einblick davon, was Katastrophisieren bedeutet. Bestimmt ist dir beim Lesen auch die eine oder andere Episode aus deinem eigenen Leben eingefallen, in welcher es dir vielleicht ähnlich erging. Lass uns nun schauen, was du tun kannst, wenn du erneut ins Katastrophisieren gerätst. Du erhältst von mir drei probate Techniken, die ich im Bedarfsfall selbst anwende, wie übrigens alles, was ich dir in meinen Beiträgen vermittle. Je nachdem, was du für ein Typ bist, und je nach Situation, in der du zum Katastrophisieren neigst, kann die eine oder die andere Technik effektiver sein. Letztendlich gilt hier ganz klar das Motto: "Probieren geht über Studieren." Schau, was dir liegt und was für dich funktioniert, und nutze dann diese Technik.

  1. Schreibe deine ganz persönliche Horrorgeschichte Setz dich hin, nimm ein Blatt und einen Stift zur Hand und fang an, alle deine Katastrophengedanken aufzuschreiben. Natürlich funktioniert das auch am Computer oder Handy. ;-) Beschönige dabei nichts, schreibe alles genauso auf, wie du es denkst. Frag dich immer wieder "Und dann?", "Was passiert dann?" oder "Wie geht's dann weiter?". Tue das solange, bis dir nichts Neues mehr einfällt. Am Schluss liest du dir deine Geschichte nochmals in Ruhe durch. Im Idealfall wirst du dich totlachen, was bei mir effektiv schon oft vorkam. Aber selbst wenn nicht, wirst du zumindest feststellen, dass sich die Gedanken ähneln und oftmals wiederholen, sich teilweise aber auch widersprechen, meistens überhaupt keinen Sinn ergeben und einfach nur lächerlich und absurd sind. Vieles davon wirst du danach nicht mehr ganz so ernst nehmen können. Bonustipp: Solltest du die Gedanken nicht wie gewünscht loslassen können, lies die Geschichte bis zum bevorstehenden Ereignis erneut jeden Tag 1x morgens, mittags und abends durch. Irgendwann wird sie dich langweilen, versprochen. Warum ist das gut? Nun, du kannst nicht gleichzeitig Angst haben und dich langweilen.

  2. "Was, wenn ..." wahrnehmen und den Rest einfach ausblenden Ein Gedanke, der mit "Was, wenn ..." beginnt, ist rein hypothetischer Natur. Es geht um ein Ereignis in der Zukunft, das noch nicht eingetreten ist und zu 99.9% auch nicht eintreten wird. Du kannst also alles, was auf "Was, wenn ..." folgt, getrost ignorieren. Es lohnt sich schlicht und ergreifend nicht, darauf einzugehen und sich damit auseinanderzusetzen. Du verschwendest lediglich deine Zeit. Stattdessen ist es hilfreich, sich von diesen Geschichten zu distanzieren, indem du zu dir selbst sagst: "Okay, das wäre zwar echt scheisse, wenn das passieren würde, aber ich werde mich erst dann damit befassen, wenn es soweit ist. Vorher gibt es nichts zu tun." Bonustipp: Du kannst die Worte, die auf "Was, wenn ..." folgen, auch einfach auspiepen. Ungefähr so, wie es in den Talkshows mit Schimpfwörtern gehandhabt wird, also z.B. "Du dumme *Piep*." und "Selber *Piep*." Zurückübersetzt auf unseren Fall würde das dann wie folgt aussehen: "Was, wenn *Piep* *Piep* *Piep*". Kapiert?

  3. Konsultiere die Vergangenheit und/oder ziehe Vergleiche mit anderen Zur Abwechslung dürfen wir mal etwas tun, was wir normalerweise eigentlich eher vermeiden sollten, und zwar in der Vergangenheit zu wühlen und uns mit anderen zu vergleichen. Wenn wir es mit einer bekannten Situation zu tun haben, können wir einen Blick in die Vergangenheit werfen und uns die Frage stellen: "Wie oft in meinem Leben ist das, was mich gerade beunruhigt, tatsächlich eingetreten?" Meistens wird die Antwort lauten: "Noch nie!" Sollten wir es mit einer unbekannten Situation zu tun haben, können wir uns folgende Frage stellen: "Wie viele Menschen kenne ich persönlich, bei denen das, was mich gerade beunruhigt, tatsächlich eingetreten ist?" Auch hier wird die Antwort meistens lauten: "Keinen!" Und falls dir doch einer einfällt, umso besser, denn dann kannst du ihn anrufen und ihn fragen, ob er es überlebt hat. Ich verwette den Protagonisten von meinem Kurzfilm "Deep Inside Me" darauf, dass er "Ja" sagen wird. ;-) Was bringt dir das alles? Nun, es kann dir Sicherheit geben, denn etwas, was noch nie eingetreten ist, wird aller Wahrscheinlichkeit auch dieses Mal nicht eintreten.

Wie du dir vorstellen kannst, gibt es noch eine Vielzahl an weiteren Techniken, die man einsetzen könnte. Ich habe mich für drei entschieden, die gleichermassen einfach anzuwenden als auch effektiv sind. Da dies bestimmt nicht mein letzter Artikel übers Katastrophisieren gewesen sein dürfte, werde ich dich irgendwann über weitere Techniken unterrichten. Was du unabhängig davon natürlich immer tun kannst, ist, dich von den Katastrophengedanken, die ja nichts anderes als Geschichten sind, zu distanzieren. Hierzu findest du im vorherigen Artikel "Der Geschichtenerzähler" zwei erprobte Techniken.


Bei all diesen Techniken geht es übrigens nicht primär darum, die Angst zu reduzieren, sondern sich von den nicht hilfreichen und komplett destruktiven Katastrophengedanken zu distanzieren. Sie also als das zu anzuerkennen, was sie effektiv sind, nämlich Bullshit. Wenn dabei als durchaus willkommener Seiteneffekt die Angst abnimmt, hervorragend. Wenn nicht, sei Okay damit. Die Angst gehört zum Verlassen der Komfortzone, wie das Salz zum Meer. Du kämpfst gegen Windmühlen, wenn du das nicht akzeptieren möchtest.


Zum Schluss möchte ich nochmals unterstreichen, dass sich die allermeisten Katastrophen ausschliesslich in unserem Kopf abspielen und keinen Zugang zur realen Welt haben. Egal, wie echt es sich anfühlt, es ändert nichts daran, dass es sich bloss um Geschichten handelt. Und selbst wenn einmal etwas schief gehen sollte, ist es oftmals halb so schlimm, wie man es sich im Vorfeld ausgemalt hat.


Ein wichtiger Aspekt, den ich unbedingt noch erwähnt haben möchte, ist, dass das Katastrophisieren nichts dazu beiträgt, angemessene Vorsichtsmassnahmen zu treffen. Ein Trapezkünstler trainiert nicht mit Sicherheitsnetz, weil er katastrophisiert, sondern weil er vernünftig ist. Das Katastrophisieren würde ihn eher vom Training abhalten, indem es ihm suggeriert: "Was, wenn ich runterfalle und das Netz reisst?"


Ich hoffe, du fandst den Artikel trotz der Länge kurzweilig. Folge mir auf LinkedIn, Instagram, Facebook oder Pinterest und hinterlass mir einen Kommentar! Ich bin immer neugierig, wie dir meine Artikel gefallen und vor allem, was du daraus effektiv mitnehmen und in den Alltag transferieren kannst.


Aloha und bis die Tage dann! Denk immer daran, dein Leben zu geniessen, denn du wirst kein zweites kriegen.

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